Bildungs- und Lerngeschichten

Die Arbeit mit "Bildungs- und Lerngeschichten" in KiTas des Kinderhaus e.V.

Im April 2003 hatten wir mit der Methode IQUE (Integrierte Qualitäts- und Personalentwicklung) einen Prozess der Qualitätsentwicklung gestartet zum Thema "Bildungsprozesse von Kindern - Begleitung und Förderung in Einrichtungen des Kinderhaus e. V."

Im Zuge unserer sehr intensiven fachlichen Auseinandersetzung mit Selbstbildungsprozessen von Kindern hatten wir schnell festgestellt, dass uns ein Beobachtungsverfahren fehlt, mit dem wir die Bildungsbemühungen von Kindern verstehen lernen und betrachten können. Herkömmliche Beobachtungsraster mit Ankreuzverfahren kamen für uns nicht in Frage, da sie defizitorientiert wirken und die professionelle Haltung dem Kind gegenüber und die Arbeit in Situationen weder reflektieren helfen noch in Frage stellen.

Von Sommer 2004 bis zum Februar 2007 nahmen wir über unsere Landesarbeitsgemeinschaft Elterninitiativen Niedersachsen/Bremen (lagE) an dem Projekt "Bildungs- und Lerngeschichten" des Deutschen Jugendinstituts (DJI), für das wir uns als MultiplikatorIn beworben hatten und angenommen wurden.
An dem von Bundesministerium geförderten Projekt beteiligten sich die Bundesländer Niedersachsen, Hessen, Rheinland-Pfalz und Sachsen, die Stadt München und die Stiftungen Bertelsmann, Max Träger (GEW) und die Bernhard von Leer Foundation. In der Projektlaufzeit arbeiteten 12 Projekt-KiTas zusammen und schulten circa 100 MultiplikatorInnen.
Im Rahmen des Projektes wurden Verfahren entwickelt und verbreitet, mit denen Selbstbildungsprozesse von Kindern beobachtet, eingeschätzt und dokumentiert werden können. Das Projekt hatte das Ziel, die Umsetzung des Bildungsauftrages von Kindertagesstätten wirksam zu unterstützen und zu fördern.

Im Kinderhaus e.V. wurden die entwickleten Verfahren von zunächst neun Kitas eingeführt, intern begleitet, unterstützt und beraten von den Fachberaterinnen. Vertreten waren eine Kita mit einer großen Altersmischung (1 bis 10 Jahre), eine Kita für Kinder im Alter von 2 bis 6 Jahren, ein offener Kindergarten für Kinder zwischen 3 und 6 Jahren und kleine Kindertagesstätten für Kinder von 1 bis 3 Jahren - also ein relativ großes Spektrum unterschiedlicher pädagogischer Modelle.

Das Verfahren Bildungs- und Lerngeschichten wurde Ende der 1990er Jahre von Margaret Carr in Neuseeland entwickelt: Margaret Carr sieht die Kindertagsstätte als eine "lernende Gemeinschaft". Geschichten vom Lernen eines Kindes entstehen aus Beobachtungen seiner Aktivitäten in alltäglichen Situationen. Wenn Kinder lernen, benutzen sie ein Repertoire, mit dem sie Lerngelegenheiten wahrnehmen, erkennen, auswählen, beantworten und selbst herstellen. Es hilft ihnen, sich neuen Anforderungen und Situationen zu widmen und daran teil zu haben. Diese Strategien und Fähigkeiten nennt Margaret Carr "Lerndispositionen".
Diese Lerndispositionen haben entscheidenden Anteil daran, dass Lern- und Bildungsprozesse gelingen. Wichtige Merkmale sind: interessiert sein - engagiert sein - Standhalten bei Herausforderungen und Schwierigkeiten - sich ausdrücken und mitteilen - an der Lerngemeinschaft mitwirken und Verantwortung übernehmen.

Die Arbeit mit Bildungs- und Lerngeschichten umfasst vier Arbeitsschritte:

  • Die Beschreibung / Beobachtung von Interessen und Aktivitäten eines Kindes und die Einschätzung der Lerndispositionen
  • Die Diskussion darüber im Team, das Schreiben einer Lerngeschichte und der Austausch darüber / die Zusammenarbeit mit Kindern und deren Eltern
  • Die Dokumentation dieser Lerngeschichten und Gespräche darüber, ergänzt durch Notizen, Arbeiten, Werke und Kommentare der Kinder, Fotos, Filmszenen, Tonaufnahmen... und Beiträge von Eltern
  • Die Entscheidung darüber, welche individuelle weiter führende Unterstützung, Herausforderung und Projekte sinnvoll sind und wie die Lernumgebung beschaffen sein muss, damit sich Themen, Interessen, Wissen und Anliegen der Kinder lebendig entfalten können


"Beurteilung / Einschätzung ist die Art und Weise,
in der wir in unserer alltäglichen Praxis
das Lernen von Kindern beobachten,
uns bemühen es zu verstehen
und
die daraus gewonnenen Erkenntnisse
in unser pädagogisches Handeln umsetzen."

Erste Erfahrungen

• Die Bildungs- und Lerngeschichten sind kein Beobachtungsverfahren für den Aktenschrank! Ihr Wesen ist es, Bildungs- und Lernprozesse von Kindern zu kommunizieren im Sinne eines Dialoges, der aufmerksam und achtsam ist. Jeder Arbeitsschritt beinhaltet Partizipation und Zusammenarbeit mit Kindern. Es fußt darauf, die Würde des Kindes, seine Selbstbestimmung und seine Rechte konsequent zu beachten. Die Kinder werden unmittelbar an der Gestaltung ihrer Bildungs- und Lerngeschichten beteiligt und können mit Hilfe der unterschiedlichen Dokumentationsformen erfahren, das Alles, was sie tun, als wichtig und bedeutsam anerkannt und wert geschätzt wird.

• Die Bildungs- und Lerngeschichten und deren Dokumentation sind eine Brücke zum Elternhaus und eine zwischen Eltern und deren Kindern. Sie sprechen große Gefühle an: Stolz, Liebe und Rührung. Sie lassen staunen. Eltern können sich wundern über Lernleistungen, die ihre Kinder jeden Tag in der Kita vollbringen. Wir sind immer davon ausgegangen, dass Eltern sehr interessiert am Lernen ihrer Kinder sind. Die Bildungs- und Lerngeschichten können dieses Interesse wunderbar transportieren.

• Das Verfahren zielt auf die Veränderung von PLANUNG. Planung ist dicht an den Lerndispositionen, die sichtbar und eingeschätzt werden, ausgerichtet. Es gilt, Kindern zunehmend differenziertere und komplexere Orientierungs- und Handlungsmuster zu ermöglichen, damit sie ihre Interessen wahrnehmen und ihre unmittelbare Umgebung mit gestalten können. Es wird also auch immer die Frage gestellt: Was gibt die Situation her, damit Lerndispositionen zum Tragen kommen können? Von daher ist Planung ein Prozess: wahrnehmen - erkennen - sich einlassen - dokumentieren - wieder anschauen und drüber sprechen. Handlungsmöglichkeiten für Erzieherinnen ergeben sich in der Gestaltung der Umwelt des Kindes und des Dialoges mit ihm. Die bisherige Art und Weise, in der geplant wurde, zu verändern, ist schwer! Diese Schritte brauchen Zeit, kontinuierliche Reflektion des eigenen Handelns und viel Experimentierfreude, denn sie stellen die gelebte Praxis in Frage.

© Kinderhaus e.V. 2006