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Lokales Bündnis für Familien in Göttingen

01.03.2005 von Alexander Zimek

Aufgrund eines Beschlusses des Stadtrates vom November 2004 wurde von der Verwaltung zum 01. März 2005 zur Gründung eines lokalen "Bündnis für Familien" eingeladen und ein Kuratorium für dieses Bündnis konstituiert.
Die Initiative für diese Bündnisse für Familien ging vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend aus. Sie sollen ein Zusammenschluss verschiedener gesellschaftlicher Gruppen sein mit dem Ziel, etwas für Familien zu bewirken. Erklärtermaßen sollen die Bündnisse keine "Debattierclubs" bleiben, sondern "Diskussionsforen und Ideenschmieden" werden, die konkrete Vereinbarungen treffen und ihre Vorstellungen in die Praxis umsetzen. Sie sollen ein "besseres Klima für Kinder und Eltern" schaffen und durch die breite Zusammensetzung unterschiedlicher Partnerinnen neue, auch unkonventionelle Ideen und "maßgeschneiderte Lösungen" für die örtliche Situationen liefern - da wo die "Phantasie und die Möglichkeiten von Einzelnen nicht ausgereicht hätten". Nachzulesen sind die programmatischen Aussagen unter http://lokale-buendnisse-fuer-familien.de. So weit die Theorie.

Für die Stadt Göttingen wurde in die Einladung zur Gründung das Ziel formuliert, das Bündnis solle "Impulse für die Weiterentwicklung und den Ausbau einer besseren und nachhaltigen Vereinbarkeit von Beruf und Familie, für innovative Kinderbetreuungsangebote und eine familienfreundliche Arbeitswelt" geben. Es sollten neue Partnerschaften ins Leben gerufen werden, die familienfreundliche Politik am Ort selbst zu gestalten, da Familienpolitik auch immer mehr zum Standortfaktor werde. Die öffentlichkeit solle für das Thema Familie gewonnen werden. Ziel sei außerdem, bestehende Angebote vor Ort zu bündeln und neue Ideen zu entwickeln, die auch die Partizipation der BürgerInnen stärken könnten.

Eingeladen zur Teilnahme am Kuratorium des Bündnisses waren u.a. VertreterInnen der Wirtschaft (IHK, Arbeitgeberverband, Kreishandwerkerschaft), der Gewerkschaften, der Universität, der Wohlfahrtsverbände, der Kirchen, der freien KiTa-Träger, der Frauenverbände, der Elternvertretungen und der Fraktionen im Stadtrat. In den ersten beiden Sitzungen des Kuratoriums wurde eine gemeinsame "Bündniserklärung" beraten und nach teilweise kontroverser Diskussion über die Reichweite und Verbindlichkeit der darin formulierten Ziele schließlich von allen Beteiligten verabschiedet:

"Die Stadt Göttingen initiiert ein 'Göttinger Bündnis für Familien' und schließt sich dem 'Lokalen Bündnis für Familie' auf Bundesebene an. Sie gründet gemeinsam mit Vertretungen aus Wirtschaft, Gewerkschaften, Kirchen, Vereinen und Verbänden, Universität , wissenschaftlichen Einrichtungen und Netzwerken das 'Göttinger Bündnis für Familien', das die Situation der hier lebenden Familien und Kinder in das politische und gesellschaftliche Blickfeld rückt.
Das 'Göttinger Bündnis für Familien' verfolgt mit seinen Aktivitäten das Ziel, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Männer und Frauen nachhaltig zu verbessern und damit günstige Voraussetzungen für die Gründung und den Lebensalltag von Familien mit Kindern zu schaffen. über Fachforen und die Entwicklung konkreter Projekte sowie eine begleitende öffentlichkeitsarbeit soll eine gesellschaftliche und politische Sensibilisierung der Göttinger Bürgerinnen und Bürger sowie aller Institutionen sichergestellt werden. Dadurch soll die Verantwortlichkeit der Eltern, der Erziehungs- und Bildungseinrichtungen, aber auch der öffentlichen und privaten Arbeitgeber für Familien und Kinder hervorgehoben und ihre jeweiligen Potenziale gestärkt werden, um so auch den Standort Göttingen als familienfreundliche Stadt aufzuwerten.

Die Bündnisbeteiligten setzen sich in ihrem jeweiligen Wirkungsbereich für familien- und kinderfreundliche Maßnahmen und Projekte ein, um Familien und familiäre Lebensformen zu stärken. Dieses geschieht insbesondere durch eine stärkere Vernetzung öffentlicher und privater Akteure. Im Mittelpunkt stehen familienfreundliche Arbeitsbedingungen und bedarfsgerechte Kinderbetreuungs- möglichkeiten. Der wichtige Beitrag von Familien zur Zukunftsfähigkeit der Kommune soll anerkannt und die Stadt Göttingen als Lebensort für Familien noch attraktiver werden."

Nach dieser Vorbereitung fand 11.07.2005 eine öffentliche Auftakt- und Gründungsveranstaltung in der Stadthalle Göttingen statt, zu der auch die (damalige) Bundesfamilienministerin Renate Schmidt ihr Kommen angekündigt hatte - dieses fiel dann allerdings dem schon begonnenen Bundestagswahlkampf zum Opfer. Gleichzeitig fand im Foyer der Stadthalle ein "Markt der Möglichkeiten" rund um die Kinderbetreuung in Göttingen statt, auf dem sich fast alle KiTas in freier und städtischer Trägerschaft zusammen mit weiteren Einrichtungen präsentierten.
Oberbürgermeister Danielowski erklärte in einer Ansprache, die besten und passenden Lösungen für Göttingen könnten nur durch gemeinsame Anstrengungen vor Ort erreicht werden. Die Erwartungen der Menschen dürfe und wolle man nicht enttäuschen. Vor dem Bündnis liege jetzt ein hartes Stück Arbeit, aber auch die Aussicht auf zufriedene Familien und glückliche Kinder - auf die Stärkung der Zukunftschancen Göttingens.

Die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Christel Riemann-Hanewinckel, betonte in Vertretung der Ministerin, dass sich das neu gegründete Bündnis für Familie in Göttingen mit dem Thema Vereinbarkeit von Beruf und Familie einen wichtigen Schwerpunkt gesetzt habe. Denn nicht nur für die meisten Eltern stünde das Thema ganz oben auf der Wunschliste, auch Unternehmen und Kommunen profitieren davon. Wenn es gelänge, junge Erwerbstätige in einer Region zu halten und gut auszubilden, ziehe dies Unternehmen an. Die Innovationsdynamik und die Wettbewerbsfähigkeit würden gesteigert, Familienfreundlichkeit sei ein Standortfaktor für die Zukunft einer Region. Voraussetzung für eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei eine qualifizierte und bedarfsgerechte Kinderbetreuung, sagte die Staatssekretärin. Hier habe das Göttinger Bündnis die Zeichen der Zeit erkannt. Der "Markt der Möglichkeiten" belege das eindrucksvoll.

Leider konnte offensichtlich eines der wesentlichen Bündnisziele - das Gewinnen der öffentlichkeit - nicht erreicht werden: die öffentlichkeit, sprich Familien mit Kindern blieben der Veranstaltung im Wesentlichen fern. Vielleicht lag es am unglücklichen Termin (vorgegeben durch den Terminkalender der dann doch nicht anwesenden Ministerin!) an einem Montagnachmittag drei Tage vor den Sommerferien, vielleicht auch an der - vorsichtig ausgedrückt - äußerst zurückhaltenden Berichterstattung in der örtlichen Medienlandschaft, insbesondere dem Göttinger Tageblatt. Nach der Aussprache über die Veranstaltung im KiTa-Bündnis der freien Träger nach den Sommerferien wurde von den KiTa-VertreterInnen immerhin hervorgehoben, man habe endlich einmal ausreichend Zeit gehabt, an den den sehr informativen und gut gestalteten Ständen die KollegInnen aus anderen Einrichtungen persönlich kennen zu lernen und sich untereinander auszutauschen.

Am 08.09.2005 fand das erste Fachforum des Bündnisses für Familien zum Thema "Innovative Kinderbetreuung" im Ratssaal statt. Zur Einstimmung gab es einen Fachvortrag von Marianne Berger über das schwedische Kinderbetreuungssystem. "Schweden hat uns offene, flexible und hochwertige Bildungsangebote voraus", war das Fazit ihres Vortrages. Schweden lege vor allem Wert auf großzügige, helle und kindgerechte Räume und Einrichtungen mit naturnahen Freigeländen. Das schwedische Kinderbetreuungssystem frage immer zuerst, in welcher Umgebung Kinder sich wohl fühlten, wie das Umfeld aussehen müsse, damit Lernen Spaß mache.
Die städtische Sozialdezernentin Dr. Schlapeit-Beck stellte statistische Zahlen über das Kinderbetreuungsangebot in Göttingen vor. Allein das Angebot an Krippenplätzen für Kinder unter drei Jahren wurde nach ihren Worten seit 2002 verdoppelt. Derzeitig gebe es für fast jedes fünfte Kind unter drei Jahren einen Betreuungsplatz. Ziel sei eine bedarfsgerechte Versorgung mit 28 % in den nächsten drei Jahren. Das vorhandene Betreuungsangebot solle den Bedürfnissen der Eltern weiter Rechnung tragen. Die Stadt Göttingen fördere aber nicht nur ein bedarfsgerechtes Angebot, sondern auch die Profilbildung der verschiedenen Kindertagesstätten, von der bilingualen Erziehung über künstlerisch-musische Förderung, dem Bewegungs- und Sportkindergarten bis hin zur interkulturellen Einrichtung.
Alle Beteiligten am Forum waren sich darin einig, dass die Angebote für Kinderbetreuung flexibler gestaltet werden müssen. In einer stadtweiten Elternbefragung aus dem Jahr 2003 sei der Wunsch nach Betreuungsangeboten auch am Abend, in der Nacht oder auch sonnabends geäußert worden. Die zunehmende Flexibilität der Arbeitswelt mit veränderten Arbeitszeiten und die zunehmende Zahl von Alleinerziehenden verlange andere und zukunftsweisende Betreuungsangebote. Flexibilität habe allerdings auch ihre Grenzen. Nicht alles was machbar ist, sei pädagogisch sinnvoll, führte Michael Höfer vom Kita-Bündnis freier Träger aus. Nach wie vor seien eine verlässliche Zeitorganisation und eine kontinuierliche Bezugsperson für einen gelungenen Entwicklungsprozess erforderlich.
Deutlich wurde auch, dass nicht nur die Kinderbetreuungsangebote flexibler werden müssen, sondern dass sich auch die Arbeitswelt stärker an den Bedarfslagen von Kindern und Eltern orientieren muss z.B. bei der Gestaltung der Arbeitszeit. Diesem Thema stand in einem zweiten Fachforum im 11.10.2005 im Sartorius College auf der Tagesordnung. Ein Vortrag von Ute Lysk (Hertie-Stiftung) hatte zum Thema "Familienfreundliche Familienpolitik - Erfolgsfaktor oder Lippenbekenntnis", in einem zweiten von Svenja Pfahl (Hans-Böckler-Stiftung) wurden die "Erwartungen von ArbeitnehmerInnen an familienfreundliche Betriebe" durch die Ergebnisse einer repräsentativen Studie dargelegt. Beide Vorträge sind unter der Adresse http://www.goettingen.de/service/lo_bue_fam/arbeitswelt.htm als pdf-Dateien herunterzuladen (Hier sind im übrigen auch alle von der städtischen Koordination des Bündnisses für Familien herausgegebenen Informationen zum bisherigen Verlauf des Bündnisses abrufbar). Anschließend wurden anhand verschiedener Einzelbeispiele von Göttinger Unternehmen vorgestellt, wie eine kinder- und familienfreundliche Arbeitszeitgestaltung zu erreichen ist.

Beim dritten wieder gut besuchten Fachforum am 01.11.2005 stand die Frage nach einer geschlechtergerechten Verteilung bezahlter und unbezahlter Arbeit im Mittelpunkt. Es stellte sich heraus, dass von einer besseren Verknüpfung von Erwerbs- und Familienleben alle profitieren können: Männer, Frauen, die Arbeitswelt und letztlich die gesamte Gesellschaft.
Prof. Dr. Peter Grottian kritisierte die mangelnde Verknüpfung von Arbeitsmarkt-, Sozial- und Geschlechterpolitik. Paare müssten heute Geschlechterdemokratie täglich neu entwickeln und seien dabei auf sich und ihre individuellen Netzwerken angewiesen. Es fehlten immer noch verlässliche Rahmenbedingungen. Unser Steuersystem fördere immer noch die traditionelle Arbeitsteilung zwischen Männern und Frauen; gewünscht und förderungswürdig hingegen sei die Unterstützung von gelebten Teilzeitarbeitsmodellen von Mann und Frau.
Silvia Reckel von der Windwärts Energie GmbH aus Hannover stellte anschaulich kreative Modelle gelebter Work-Life-Balance vor.
In der anschließenden Diskussion wies Christine Müller, Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Göttingen darauf hin, dass auch heute noch in über 50 % der Paarhaushalte die traditionelle Arbeitsteilung vorherrsche: Der Mann ist Vollzeit erwerbstätig, die Frau gar nicht. Voraussetzung für eine Veränderung dieser Situation sei nach Meinung der Diskussionsteilnehmer ein öffentlicher Bewusstseinswandel oder andere gesetzliche Vorgaben - die derzeitige Ausweitung von Arbeitszeiten gehe in die entgegengesetzte Richtung. Zudem sei eine Unternehmenskultur mit entscheidend dafür, ob familienbedingte Auszeiten überhaupt in Anspruch genommen und vom betrieblichen Umfeld akzeptiert werden.
Mein Fazit:
Es sind einige interessante Diskussionen innerhalb des Bündnis für Familien angeregt worden, auch unter Bündnispartnern, die sich beiher gar nicht oder kaum wahrgenommen haben. Das ist positiv. Den Beweis, dass das Bündnis mehr als ein "Debattierclub" ist, ist es bisher allerdings schuldig geblieben. Es gibt allenthalben eine Menge von Ideen, wie diese jedoch in die Praxis umgesetzt werden sollen, bleibt mit Fragezeichen versehen. Insbesondere die bereits mit der Gründung des Bündnisses bei den Vertretern der Wirtschaft angefragte nicht nur ideelle, sondern auch materielle Beteiligung an familienfreundlichen Maßnahmen wurde bisher mit kollektivem Schweigen bedacht. Impulse, die Familienfreundlichkeit in der Stadt Göttingen befördern, kommen bisher ausschließlich aus dem Bereich der freien KiTa-Träger und aus den Reihen der politischen Parteien im Rat der Stadt. Das wird noch ein langer und steiniger Weg in eine für Kinder und deren Eltern strahlende Zukunft! Da bin ich mir ausnahmsweise mit der städtischen Sozialdezernentin einmal sehr einig, die die Bündnispartner aufforderte, sich in ihrem Wirkungskreis für dessen Inhalte einzusetzen und das Bündnis auch in Zukunft mit Leben zu füllen!

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