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Göttinger Ganztagsschulkonzept vor dem Aus?

28.02.2014 von Michael Höfer

Das Rahmenkonzept der Stadt Göttingen für Nachmittagsangebote an Ganztagsgrundschulenvon 2010 (aktualisiert 2013) beinhaltet kurz gesagt eine Kooperation der jeweiligen Schule mit einem Jugendhilfeträger, der im Wesentlichen die Organisation und Koordination des vom Jugendhilfeträger verantworteten Nachmittagsangebotes übernimmt. Der Kinderhaus e.V. kooperiert in der Stadt Göttingen mit drei Grundschulen: Albanischule, Brüder-Grimm-Schule und Herman-Nohl-Schule.

Im Rahmen des stadtweit eingeführten Konzeptes bilden die Jugendhilfeträger auch für die schulischen Nachmittagsangebote sog. Stammgruppen, die ähnlich einem Hort einen festen Bezugsrahmen für die SchülerInnen bilden und von pädagogischen Fachkräften, die beim Jugendhilfeträger beschäftigt sind, geleitet werden. In der Regel finden die Angebote an vier Tagen in der Woche (Montags bis Donnerstags) in der Zeit von 13:00 Uhr bis 15:30 Uhr statt. Dem Bedarf der Eltern entsprechend schließen sich daran bis 17:00 Uhr reine Jugendhilfeangebote an - wie der Hort oder der sog. KidsClub für die Klassenstufen 3 und 4. Außerdem decken die klassischen Jugendhilfeangebote den Freitagnachmittag und den größten Teil der Schulferien ab.

Das Rahmenkonzept stößt bei Eltern, Schulen und Trägern der Jugendhilfe auf eine große Akzeptanz und stellt eine gelungene Zusammenarbeit der beiden Systeme Jugendhilfe und Schule auf Augenhöhe dar. Möglich ist dies allerdings nur, weil der kommunale Schulträger dieses Modell mit nicht unerheblichen finanziellen Mitteln bezuschusst - das Verhältnis kommunale Förderung zu Landesförderung liegt zwischen 8:1 und 4:1.

Anfang Februar 2014 stellte die Nds. Kultusministerin Frauke Heiligenstadt den lange mit Spannung erwarteten Ganztagsschulerlass vor, der nach einer relativ kurzen Anhörungsfrist zum 01.08.2014 in Kraft treten soll. Dieser Erlass regelt die zukünftig möglichen Formen von Ganztagsschulen (offen, teilgebunden, voll gebunden) und die personelle und finanzielle Ausstattung seitens des Landes dafür. Er enthält natürlich auch Passagen zur Kooperation von Schule und Jugendhilfe. Und wer diese Passagen genau studiert, fühlt sich in der Diskussion über die Zusammenarbeit der beiden Systeme Schule und Jugendhilfe um Jahrzehnte zurück versetzt.

tl_files/bilder/hort_brueder_grimm/bgs1.jpgLetztlich laufen alle Regelungen des Erlasses darauf hinaus, dass eine Ganztagsschule nur dann (gut) funktioniert, wenn alle Bildungsangebote möglichst von Lehrkräften gestaltet werden. Pädagogische Fachkräfte könnten hier nur unterstützend tätig werden. Diese Aussagen sind umso erstaunlicher, als sie aus dem auch für die frühkindliche Bildung verantwortlichen Ministerium kommen und als hätte die Fachdiskussion um KiTas als Bildungsorte nie stattgefunden oder um dieses Ministerium einen großen Bogen gemacht.

Statt einer Zusammenarbeit der beiden Systeme Schule und Jugendhilfe auf Augenhöhe stellt dieser Erlass ganz deutlich auf eine längst überwunden geglaubte Dominanz von unterrichtlichen Angeboten (Schule) über außerunterrichtliche und ergänzende (Freizeit)angebote (Jugendhilfe) ab, wobei selbst die außerunterrichtlichen Angebote besser wohl auch noch von schulischen Lehrkräften erledigt werden könnten.

Was heißt das für den status quo?

Bestehende Kooperationsmodelle sollen "zunächst" nach dem genehmigten Konzept weiterarbeiten können. Im Übrigen gebe es "befristete Übergangsregelungen" zur weiteren Ressourcenverteilung und zu organisatorischen Fragen. Da es insbesondere bei der Kapitalisierung der Lehrerstundenzuweisung (die im Grundsatz deutlich besser geregelt ist als bisher, jedoch in der absoluten Höhe von der Kassenlage des Landes abhängig gemacht wird) eine Grenze von maximal 40% gibt, erscheint es fraglich, ob die bisherigen Kooperationsmodelle in den Nds. Großstädten Göttingen, Hannover, Oldenburg und Wolfsburg so wie bisher fortgeführt werden können. Auch die derzeit praktizierte Koordination der Nachmittagsangebote durch Beschäftigte des Jugendhilfeträgers soll nun nicht mehr möglich sein. Gleichzeitig fehlen komplett Aussagen dazu, wie denn zukünftig die "ergänzenden" Angebote der Jugendhilfe in Ganztagsschule eingebunden werden sollen oder nicht. Ganz spannend wird diese offene Frage z.B. bei der Absicherung eines Angebotes in den Schulferien!

Was insbesondere den kommunalen Schulträgern nicht gefallen dürfte, ist die Reduzierung ihrer Rolle auf die Bereitstellung von SchulsekretärInnen und Mensen sowie die organisatorische Abwicklung des Mittagessens an den Schulen. Dies wird als eine "Provokation für alle Kommunen die sich inhaltlich, sächlich und personell an der Gesamtentwicklung von Ganztagsschulen engagieren" gesehen.

Es gibt bereits erste Kontakte zur Abstimmung von Stellungnahmen der genannten vier Nds. Großstädte, die sich stark in schulischen Ganztagsangeboten engagieren. Neben schulfachlicher Kritik wird auch die hier geäußerte Kritik an der Zusammenarbeit von Schule und Jugendhilfe weitestgehend geteilt. Außerdem wird bemängelt, dass die Entwicklung des Erlasses ohne die Einbeziehung der kommunalen Seite erfolgt ist - hinzuzufügen ist: auch die Sicht der freien Jugendhilfeträger wurde im Vorfeld überhaupt nicht abgefragt. Es drängt sich sehr stark der Eindruck auf, dass wesentliche Teile des Erlasses deutliche Parallelen zu einem Positionspapier der GEW aufweisen. Ob nur eine Anhörung der Verbände für die weitere Diskussion ausreichend ist, wird sich wohl noch zeigen müssen.

Inzwsichen gibt es mehrere kritische Stellungnahmen zu dem Erlassentwurf, die sich im Wesentlichen mit den gleichen Punkten auseinandersetzen. Als Auswahl können hier folgende abgerufen werden:

Was der Erlass für das Göttinger Rahmenkonzept letztendlich bedeutet, wird sich in den nächsten Wochen heraus stellen. Wir befürchten allerdings erhebliche Auswirkungen auf die Gestaltung der Ganztagsangebote an Grundschulen ab dem Schuljahr 2015/2016. Uns ist klar, dass ohne eine enge Verzahnung von Schule und Jugendhilfe in partnerschaftlicher Kooperation es keine gute Lösung für den Ganztag geben kann.

Der Kinderhaus e.V. wird sich vehement dafür einsetzen, dass das allgemein akzeptierte Modell nicht sang- und klanglos in der Versenkung verschwindet!

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