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Eine Brücke zu den Eltern

Sind die Bildungs- und Lerngeschichten eine Brücke für die Zusammenarbeit mit Eltern?

Protokoll eines Gespräches

Tina: "Ja, also, ich denke schon, weil sich für die Eltern ihre Sicht auf ihre Kinder verändert und teilweise für uns Erzieherinnen auch, weil wir in Dialog kommen mit den Eltern über die Lerngeschichten und unsere Sichtweise kundtun und die Eltern ihre Sicht vom Kind uns näher bringen können."

Birgit: "Das kann ich bestätigen! Ich finde, dass das Elterngespräch eine ganz andere Bedeutung kriegt, weil wir uns wirklich nicht über Defizite unterhalten sondern über das, was das Kind kann, was es wirklich sehr gerne macht und mit Begeisterung macht. Und von daher ist es eine positive Auseinandersetzung. Das bringt dann auch eine ganz andere Atmosphäre und kann auch Ängste von Eltern abbauen."

Susanne: "Ich finde, dass der Wert der Bildungsarbeit, gerade im Kleinkindbereich durch diese Bildungs- und Lerngeschichten im Elterngespräch einfach einen anderen Stellenwert kriegt. Ich habe in Elterngesprächen erlebt, dass Eltern die Sicht ihres Kindes verändern, dass sie... (Alle lachen) ...ich meine natürlich, die Sicht auf das Kind verändert sich. Die Eltern haben auch keine Angst davor. Stolz entwickelt sich. Viele Eltern sagen, sie sind das erste Mal Eltern, da entwickelt sich Unsicherheit. Durch die Bildungs- und Lerngeschichten wird oft diese Unsicherheit auch genommen. Und sie erfahren natürlich unsererseits auch, wie wichtig ihre Arbeit ist, dass das Zusammenspiel zwischen Eltern, Kindertagsstätte und Kind einfach eine Basis ist."

Gisela: "Wichtig hierbei ist auch noch, dass wir die gesamte Bildungs- und Lerngeschichtendebatte, die wir geführt haben, und die Entwicklung auch an die Eltern transportieren, dass wir sie informieren über dieses Beobachtungsverfahren, warum wir das tun, dass daran eben der Dialog und die Verbindung ist und das Aufbauende."

Tina: "Ja Gisela, da stimme ich Dir völlig zu... (Alle lachen) ...und ich finde dadurch wird auch unsere gesamte Arbeit den Eltern transparenter gemacht. Durch verschiedenste Arten der Dokumentation bekommen sie auch ganz viel von dem Leben in der Kita mit, was sie sonst nicht mitbekommen würden: durch Fotos, Filme, durch Lerngeschichtenbücher, Mappen, Sammlungen von den Kindern. Ja."

Birgit: "Das passt jetzt auch ganz gut dazu, dass ein wichtiger Aspekt ist, liebe Tina... (lacht) ...die Eltern erleben, dass das Kind in der KiTa - manchmal sind da ja mehrere Gruppen, 20, 25 Kinder, 30 Kinder - Individuum ist und bleibt. Dass das einzelne Kind wirklich nicht untergeht sondern sich speziell auch dem einzelnen Kind zugewandt wird, dass es beobachtet wird und dass das auch festgehalten wird."

Gisela: "Ja Birgit, ich denke auch die Bedeutung des Lebensweges... (Alle lachen) ...so die Bedeutung des Lebensweges und die individuelle Lebensbiografie wird deutlich, auch in ganz kleinen Dingen. Es geht ja nicht darum, dass das Kind etwas ganz Riesiges tun muss, sondern dass es in jeder Lebensphase etwas Bedeutsames tut. Durch dieses Beobachten und damit Weiterarbeiten wird es eben zu einer bedeutsamen Sache."

Elke: "Wie ist das denn in so einem Elterngespräch? Was löst das bei Eltern aus, wenn Ihr eine Bildungsgeschichte vorstellt?"

Tina: "Ja, bei den meisten Eltern habe ich erlebt, dass sie sehr gerührt sind, oft auch erstaunt, und dass sie ganz oft sehr stolz sind, was in den Lerngeschichten über die Kinder oder an sie geschrieben wird."

Gisela: "Ich denke, da ist erst mal das einzelne Kind mit den Fähigkeiten und den Interessen, aber auch das Kind in der Gruppe, das die Eltern so ja gar nicht kennen zu hause, was dann den besonderen Blick daran ausmacht."

Birgit: "Insgesamt könnte man dazu sagen, dass allgemein eine sehr viel vertrauensvollere Basis aufgebaut wird. Wir gehen einfach sehr vertrauensvoll miteinander um, weil wir sehr viele Sachen über das Kind herausgefunden haben."

Tina: "Was ich auch als sehr große Bereicherung empfinde, ist, dass viele Eltern an den Bildungsbüchern mitarbeiten wollen, die Bildungsbücher mit nach hause nehmen, und eine Beobachtung, die sie zu hause machen, reinschreiben oder Fotos reinkleben oder die Kinder eben selbst in den Büchern mitmalen und schreiben."

Birgit: "Ein weiterer positiver Aspekt ist natürlich, dass Eltern und Kinder über die Lerngeschichte ins Gespräch kommen. Kind zeigt stolz seine Mappe, seine Lerngeschichte, und Eltern können nachfragen, können sich die Sachen dazu angucken, die das Kind vielleicht dazu hingeklebt hat, Fotos, Selbstgemaltes, und dadurch entsteht natürlich wieder eine tolle Zusammenarbeit."

Susanne: "Ich finde, gerade im Kleinkindbereich ist der Dialog zwischen Kind und Eltern ganz wichtig Viele fragen sich, was kann man denn mit so einem Kleinen denn schon machen. Hier ist natürlich Dokumentation wichtig, dass diese Lerngeschichte begleitet wird von Fotos, die immer wieder den Kindern vorgelesen wird, wo die Kinder die Bilder erklären können. Das ist für Eltern auch ein gutes Handwerkszeug um mit dieser Lerngeschichte umzugehen."

Gisela: "Ich denke bei den älteren Kindern ist es wichtig, dass sie überhaupt ihre Bildungsgeschichte kennen, als erste natürlich auch kennen, dass sie erlauben, dass sie vorgelesen wird - meistens den Eltern, aber vielleicht auch in der Gruppe - um daraus noch mal weitere Projekte zu entwickeln mit den Ideen, die daraus entstehen. Und dass z. B. dieses "Wer-hat-Einsicht-in-die-Mappe", dass dies auch vom Kind ausgeht. Es ist nicht das Eigentum der Eltern, sondern Eigentum der Kinder."

Elke: "Ja, ich danke Euch für das Gespräch. Für mich zeigt sich, dass die Bildungs- und Lerngeschichten einfach eine Brücke, eine Bereicherung für alle Beteiligten sind!"

(Mehrere Stimmen): "Ja, okay, tschüss, tschüss..."

Wer hat sich am Gespräch beteiligt?

  • Susanne Dettmer, Kleine Kita Himmelsstieg, 8 Kinder von 1 bis 3 Jahren
  • Tina Küster, Kleine Kita Turmstrasse, 10 Kinder von 1 bis 3 Jahren
  • Birgit Reddig, Kita Junkerberg, 20 Kinder von 2 bis 6 Jahren
  • Gisela Brill und Elke Suchland-Ilse, Naturkindergarten Ulmenstraße, 50 Kinder von 3 bis 6 Jahren

Verschriftlicht von Anne Gregl, 28.02.2006

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